Einblick in die LRS- Förderung

 

Es ist 10:20 Uhr. Die Türe springt auf. Vier stürmische Buben einer Unterstufenklasse toben herein, kommen schnell zur Ruhe und stellen sich mit geschlossenen Augen auf zum gewohnten Beginn:  Rechte Hand an rechtes Ohr, linke Hand an rechte Schulter etc.. Die Körperkoordination, die Orientierung am eigenen Körper, geht mittlerweile fast wie von selbst. Weiter geht es im gewohnten Ablauf: Alle linken Hände fassen unaufgefordert ein an den Enden zusammengebundenes Seilchen und während wir im Kreise herum im Silbenrhythmus verschiedene Worte „tanzen“, schwingt der rechte Arm in großen Bögen mit. Bisher haben sie gewetteifert, wer die richtige Zahl der Silben eines „getanzten“ Wortes angeben kann (z.B. La-ma = zwei Silben, Mal-schu-le = 3 Silben, Ro-sen-sei-fen-schaum = 5 Silben). Nachdem wir in den vergangenen Wochen anhand sehr einfach strukturierter, lautgetreuer Worte einige Laute nachgearbeitet haben (z.B. Eu wie Eule, Ei wie Eis etc.) und dabei allmählich anhand langsam sich in der Komplexität steigernder Silbenstrukturen  spielerisch in den Prozess des Schreibens und Lesens hineingefunden haben, steht heute ein besonderer Höhepunkt auf dem Programm. Alle sind gespannt, und nachdem wir die Wörter Son-ne, Nüs-se, Rol-ler gemeinsam „getanzt“ haben, ist den strahlenden Bubengesichtern anzusehen, dass sie sich wieder ein Stückchen weiter die Gesetzmäßigkeiten, welche in der deutschen Sprache wirken, erobert haben. Die Antwort erfolgt jedes mal prompt: „Zwei „n“, Zwei „s“, Zwei „l“!“ Und bald können wir die Schwierigkeit noch steigern: Som-mer-son-nen-schir-me? Fel-sen-rif-fe?

Es folgt die Arbeit am Tisch. Jedes Kind nimmt sich sein Heft und nun lauschen sie gespannt den Rätseln, deren Lösungsworte genau den neu eroberten Lernschritt widerspiegeln und welche es danach zu verschriften gilt. Abwechselnd schwingt („tanzt“) nun immer ein einzelnes Kind das Lösungswort, nennt die „Besonderheit“ und dann schreiben alle Kinder - laut synchron mitsprechend - das entsprechende Wort, sodass jeder Laut gut hörbar ist, keiner beim Schreiben vergessen, verdreht oder ausgelassen wird. Denn das große Geheimnis kennen sie mittlerweile alle: Um alle (lautgetreuen) Worte richtig zu schreiben, müssen wir während des Schreibens exakt im Silbenrhythmus mitsprechen! So ist die heute erlebte Gesetzmäßigkeit: Spreche ich zweimal z.B. „n“ so muss ich es auch zweimal schreiben.

Im Anschluss malt jedes Kind die Silbenbögen unter seine Wörter, überprüft damit deren Richtigkeit und übt sich im silbengliedernden Lesen. Zum krönenden Abschluss der Stunde wünschen sich die Kinder das mittlerweile zur Tradition gewordene Spiel: Jedes Kind zieht der Reihe nach eine Wortkarte. Dieses Wort, welches genau dem Lernstand ihrer momentanen Schriftsprachentwicklung entspricht, silbengliedernd gelesen und auf dem Spielbrett gelaufen, bringt die Spielfigur pro Silbe einen Schritt nach vorn. Je länger das (lautgetreue) Wort, um so besser, denn es bringt den Spieler dem Ziele immer näher und ohne es zu bemerken, üben wir spielend das Lesen.

Eine Woche später, in unserer kommenden Stunde, können wir zu selbigem Thema vielleicht schon ein kleines „ungeübtes Diktat“ schreiben, was den Kindern weitgehend fehlerlos gelingen wird, wenn sie nur ganz genau mitsprechen.

Über die Silbengliederung werden wir in den kommenden Wochen und Monaten gemeinsam herausfinden, wann ng, nk, tz, ck, ie, ß etc. benutzt werden.

Auch Rudolf Steiner (Begründer der Waldorfpädagogik) war ein solches Vorgehen, das vom Hören ausgeht und auf dessen Grundlage die Kinder selbst allmählich entdecken können, wie das Schreiben funktioniert, ein großes Anliegen. „Daher sollten wir auch nicht künstlich dem Menschen Orthographie beibringen, sondern Orthographie so beibringen, dass wir ihm das Wort richtig vorsprechen, ihn nachsprechen lassen und ihm ALLMÄHLICH zum Aufschreiben des richtig Gehörten verhelfen. Wir sollen geradezu voraussetzen: wird unorthographisch geschrieben, so wird unrichtig gehört. Und wir haben das Gehör zu unterstützen, nicht irgend etwas einzustellen, was mehr im vollen Bewusstsein ist als eben das Gehör.“ [1] Mehr im vollen Bewusstsein als das Hören ist eben das Sehen. Die Kunst liegt dabei also im richtigen Anwenden des „allmählich“.

 

 

Lautgetreues Schreiben an der Null- Fehler- Grenze

 

Für die langsame, schrittchenweise Steigerung der Schwierigkeit benutze ich die Phonemstufen nach Carola Reuter-Liehr, welche auf einer sehr genauen Analyse der deutschen Sprache beruhen und sich am Entwicklungsprozess des Schriftspracherwerbs orientieren. Bei den Übungen achte ich dementsprechend auf so minimale Schwierigkeitssteigerungen, dass jeder Schüler immer in seinem Null-Fehler-Bereich schreiben kann. Diese konsequente Arbeit an der Null-Fehler-Grenze ist von großer Wichtigkeit, da sie Erfolg von Anfang an garantiert und damit die Kinder positiv stark motiviert. So erleben sie hier stolz, was sie schon können und bauen darauf allmählich ihre neuen Lernfähigkeiten auf. Von großer Bedeutung ist dabei das Üben anhand von lautgetreuem Wort- und Textmaterial, worunter  man Worte versteht, welche wir, wenn wir sie silbengliedernd mitsprechen, direkt verschriften können. Das lautgetreue Wortmaterial macht über 60% unseres deutschen Wortschatzes aus. Dies gilt es zu nutzen, um den Kindern Sicherheit im Lese- und Schreibprozess zu vermitteln, denn nur hier können die Gesetzmäßigkeiten, die in der deutschen Sprache wirken, regelhaft erlebt werden. Auf dieser Basis können die Schüler später alle regelhaften Abweichungen von der Lauttreue, z.B. durch Ableitungsstrategien, sicher herleiten.

Mein Grundanliegen ist es, den Kindern diese Sicherheit im Schreib- und Leseprozess zu vermitteln und das kann nur gelingen durch die Förderung des Sprachrhythmusgefühls. Grundlegend für dieses Sprachgefühl ist die Silbengliederung, die unsere zentrale Hilfe auf allen Ebenen darstellt. Auch Rudolf Steiner sprach seiner Zeit von der großen Bedeutung dieses Sprachgefühls. So betonte er die Notwendigkeit, „dass der Lehrer sich gewöhnt, sich in jede Silbe wirklich sachgemäß hineinzuleben, so dass von dem Lehrer selbst die Silben deutlich gesprochen werden und das Kind öfter veranlasst wird, genau in deutlicher, die Silben vollendender Weise nachzusprechen. Wenn solches deutliches, plastisches Sprechen geübt wird, dann wird man auch vieles erreichen, was in Bezug auf das unorthographische Schreiben gewisser Kinder erreicht werden soll.“ [2]

Ausgehend von diesem Sprachrhythmusgefühl kann ich dann den Kindern eine Strategie an die Hand geben, mit Hilfe derer sie sich langsam, schrittchenweise die Welt der deutschen Schriftsprache erschließen können. Anstatt Wortbilder auswendig zu lernen oder mit abstrakten Regeln konfrontiert zu werden, entdecken die Schüler hier selbst, welche Strategien sie anwenden müssen. Im Unterrichtsprozess sieht das wie oben geschildert folgendermaßen aus:

Das erste Ziel ist die Vertiefung des Silbenrhythmus bis in den Körper hinein, wodurch die Kinder ein sicheres Gefühl für die Silbensegmentierung erlangen. Der ganze Körper wird in einen Bewegungsablauf mit einbezogen, um die gesprochene Sprache rhythmisch – melodisch erfahrbar zu machen („Silbentanz“). Entscheidend ist dann der folgende Schritt, bei dem es darum geht, die hierdurch gewonnene „Melodiesprache“ auf das Schreiben zu übertragen. Dieser Transfer vom Sprechen zum Schreiben kann nur dann gelingen, wenn die Kinder beim Schreiben völlig synchron im Silbenrhythmus mitsprechen. Durch dieses Vorgehen verschwinden Elementarfehler wie Auslassung, Vertauschungen oder falsch verschriftete Laute. Anschließendes Silbenbögenlesen vertieft erneut das Erfassen des Silbenrhythmus. Ebenso wird das Erkennen der Silbengliederung beim Lesen geübt und die Lesegenauigkeit erhöht.

Aus der kurzen Skizze wird deutlich, dass es mir grundlegend darum geht, mit den Schülern in einen Prozess zu gehen, in welchem sie sich die deutsche Rechtschreibung selbständig aktiv aneignen können. Es geht mir eben nicht darum Regeln zu pauken oder Wortbilder künstlich von außen einzuprägen, sondern die Kinder sollen die Fähigkeiten, die in ihnen schlummern, selbst entdecken. Ich lasse sie die Rechtschreibung erobern, ohne viel zu erklären!

Für jedes Kind, dem es auf diese Weise gelingt, sich einen Zugang zur deutschen Schriftsprache zu verschaffen, erschließt sich hier eine neue Welt. Denn letztlich bildet der Umgang mit dem geschriebenen Wort nicht nur die Grundlage für viele Schulfächer, sondern vermittelt Sicherheit und Selbstbewusstsein in allen Lebensbereichen unseres Alltagslebens.

 

 

 

 

 

 

 

 



[1] Rudolf Steiner: Die Erneuerung der pädagogisch-didaktischen kunst durch Geisteswissenschaft, Vortrag vom 6.5.1920, GA 301, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1977

[2] ebenda